Unterschätzen Sie die Wirkung von Empathie?

In einer Zeit, in der die Kommunikation über immer größere Strecken losgelöst von Zeit und Raum stattfindet, leidet unsere emotionale Intelligenz. Als Führungskraft sehen Sie die Ergebnisse jeden Tag. Sei es nun im Meetingraum, im Gespräch mit Ihren Angestellten oder schlicht im allgemeinen Umgang miteinander:

Die Menschen reden und reden. Aber sie reden aneinander vorbei, hören einander nicht zu, beharren stur auf ihren Standpunkten, sind nicht für fünf Pfennig zu einem Kompromiss fähig und können scheinbar die Perspektive ihres Gegenübers nicht einnehmen. So kann es auch mal vorkommen, dass Sie sich in eine TV-Talkshow oder Bundestagsdebatte hineinversetzt fühlen.  

Aber auch so manche Führungskraft selbst sollte sich einmal Gedanken darüber machen, ob ein wenig Einfühlungsvermögen gegenüber dem ständigen Einsatz von Ellenbogen und der „kalten Hundeschnauze“ nicht doch die bessere Alternative zur Verbesserung wäre. Immerhin ist fehlende Empathie einer der Hauptgründe, warum es in Unternehmen und ganz allgemein auf der zwischenmenschlichen Ebene knirscht.
Keine Frage, Ellenbogen braucht es auch, aber emotionale Intelligenz bedeutet zu wissen, wann diese einzusetzen sind und wann nicht.

Mehr noch: Forscher der Universitäten Bonn und Heidelberg haben nun gemeinsam mit US-Forschern in einer Studie schwarz auf weiß belegt, dass emotionale Intelligenz für die Karriere und ganz allgemein für den Erfolg entscheidend ist. So entwickelte sich beispielsweise der Verdienst ehrgeiziger Testpersonen umso besser, je höher ihre emotionale Intelligenz war.

Ehrgeizige Arbeitnehmer mit hoher emotionaler Intelligenz verdienen besser als ihre Kollegen

Was ist Empathie und was nicht?

Hinter dem Begriff Empathie bzw. Empathiefähigkeit verbirgt sich die Fähigkeit, Emotionen, Gedanken und Motive einer anderen Person zu erkennen und nachzuvollziehen. Empathische Kommunikation bedeutet aber auch, dass Sie diese Regungen anderer Menschen nicht nur verstehen, sondern auch dazu bereit sind, sich darauf einzulassen. 

Die drei Formen der Empathie

  • Affektive Empathie: Instinktives Mitfühlen mit anderen Menschen ermöglicht eine angemessene Reaktion auf dessen Emotionen, Gefühle, Ziele und Bedürfnisse.
  • Kognitive Empathie: Aktives Einnehmen der Perspektive des Gegenübers, um Gedanken, Ziele und Absichten tiefgründig zu verstehen und künftiges Verhalten antizipieren zu können. Dieses Bewusstsein ist die Basis für eine eigene

    angemessene Reaktion und damit entscheidend für die Führungskompetenz.

  • Soziale Empathie: Bewusstes Eingehen auf Menschen mit unterschiedlichen Charakteren sowie aus unterschiedlichen Altersgruppen, kulturellen und sozialen Milieus. 

Nur, wer ein Bewusstsein dafür hat, wie er richtig reagiert und das Verhalten des Gegenübers durch das Lesen zwischen den Zeilen antizipiert, kann sich erfolgreich in andere Menschen hineinversetzen. Diese besondere Form der emotionalen Intelligenz ist ein entscheidender Faktor in Sachen Führungskompetenz. Immerhin heißt führen, jederzeit möglichst korrekt, weitsichtig und langfristig orientiert zu handeln. 

Und genau das geht eben nicht, wenn Kollegen, Mitarbeiter und der Chef auf einem kommunikativen Egotrip unterwegs sind. Verwechseln Sie Empathiefähigkeit aber nicht mit Bedauern, Mitleid oder bloßem Mitgefühl. Letzteres ist eine passive Fähigkeit. Erst die aktive Reaktion, also das eingehen auf das Gegenüber, macht das Mitgefühl zur aktiven Empathie.


Bin ich ein empathischer Mensch?

Jedes Mal, wenn wir ein solches Thema anschneiden und betonen, wie wichtig etwa Aufmerksamkeit und Empathiefähigkeit sind, stellt sich jede gute Führungskraft natürlich die Frage, ob sie diese Voraussetzung erfüllt. Nun, die Frage lässt sich nicht leicht beantworten, denn fehlende Empathie bemerken die meisten Menschen bei sich selbst nicht einmal. Ihr Verhalten ist einfach eingeschliffen und schlicht „normal“. 

Anhand einiger Eigenschaften können Sie aber selbst sehr präzise einschätzen, ob Sie eher zu den empathischen oder weniger empathischen Menschen gehören. Sparen wir uns eine tiefenpsychologische Untersuchung à la Siegmund Freud und machen wir doch einen einfachen Test: Je größer die Zahl der Aussagen, der Sie über sich zustimmen können, desto empathischer sind Sie.


10 Merkmale für Empathie und eine empathische Kommunikation

  1. Sie merken bereits beim Betreten eines Raumes die vorherrschende Stimmung und passen Ihr Verhalten an.
  2. Aus der Mimik und Gestik Ihrer Mitmenschen können Sie problemlos deren Gemütszustand erkennen.
  3. Sie können zwischen den Zeilen lesen. Mit Hilfe eines feinen Gehörs erkennen Sie die eigentliche Intention des Sprechers anhand der Klangfarbe, der Tonhöhe oder der Wortwahl.
  4. Sie versuchen es allen recht zu machen, um Konflikte zu vermeiden.
  5. Zwischen Großraumbüro und Kaffeeautomat sind Sie so etwas wie die Schweiz. Sie bleiben zunächst neutral, wägen Argumente aller Seiten ab und beteiligen sich nicht an lautstarken Auseinandersetzungen. Sie wissen, dass damit niemandem geholfen ist, sondern suchen nach Kompromisslösungen für eine Win-win-Situation.
  6. Ihnen geht es an die Nieren, wenn Sie sehen, dass es einem Mitarbeiter oder Kollegen nicht gut geht.
  7. Sie sind ein guter „aktiver“ Zuhörer. Das gilt vor allem in Konfliktsituationen. Dementsprechend häufig fragt man Sie gern um Rat.
  8. Es fällt Ihnen leicht, die Wünsche, Ziele und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen.
  9. Sie bemerken es unmittelbar, wenn ein Mitarbeiter, Kollege oder Familienmitglied versucht, Sie anzulügen.
  10. Es tut Ihnen selbst gut, wenn sich andere Menschen freuen. 

Die Wichtigkeit von Empathie im Arbeitsalltag

Aufmerksamkeit, Mitgefühl und letztlich Empathiefähigkeit sind der Kit des sozialen Miteinanders und eines angenehmen Arbeitsklimas. Das gilt sowohl auf der Mikroebene zwischen Kollegen als auch auf der Makroebene zwischen Führungskräften und Mitarbeitern. 

Empathie bedeutet Wertschätzung und Vertrauen

Häufig klagen Menschen in unserer hektischen digitalisierten Zeit über zu wenig Wertschätzung. Mit ein wenig empathischer Kommunikation lässt sich hier bereits viel bewegen. Aktives Zuhören und das besondere Gespür für die Bedürfnisse von Menschen helfen dabei, Probleme gezielt anzupacken.

Und zwar genau dort, wo der Schuh gerade drückt. Mitarbeiter, die wissen, dass Führungskräfte Ihnen genau zuhören, entwickeln Sympathie und eine engere Bindung. Sie fühlen sich wertgeschätzt, da Sie Ihre Bedürfnisse erkennen und berücksichtigen. 

Das wiederum wirkt sich positiv auf das Arbeitsklima aus, sorgt für Stabilität und mobilisiert in stressigen Situationen zusätzliche Kräfte. Sei es nun ein Projekt, das schneller fertig werden muss oder ein paar freiwillige Überstunden, die für das Einhalten einer Deadline in Kauf genommen werden sollen. 

Fehlende Empathie dagegen setzt diese Kräfte nicht frei und das Endresultat ist suboptimal. Es genügt bereits ein Kollege, der keine Empathie an den Tag legt, um die Chemie in einem ganzen Team zu stören und dessen Resultate negativ zu beeinflussen. Umso wichtiger ist, dass Führungskrafte die empathische Kommunikation aktiv vorleben.


Weitere Vorteile von Empathiefähigkeit

  • Geringeres Risiko für Fehleinschätzungen dank verbessertem Urteilsvermögen
  • Empathie erleichtert es, „gewaltlos“ von eigenen Standpunkten zu überzeugen
  • Effektive Konfliktvermeidung durch das Antizipieren von Verhaltensweisen
  • Bessere Beziehungen zu Kollegen und Mitarbeitern bzw. dem Chef
  • Geringerer Stress-Level sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich
  • Mentale Fähigkeit, leichter mit negativen Dingen auf der Arbeit umzugehen
  • Gesteigerte Beliebtheit und höheres Vertrauen durch emotionale Intelligenz

Ist Empathie bei manchen Mitarbeitern wichtiger als bei anderen?

Genau diese Frage ist eines der Kernelemente der Empathie bzw. der empathischen Kommunikation. Schließlich ist es die emotionale Intelligenz, mit der Sie erkennen können, welcher Mitarbeiter vielleicht häufiger ein offenes Ohr braucht und wer eher in die Kategorie „Pflegeleicht“ fällt. Um es kurz zu machen: Ja, manche Mitarbeiter benötigen etwas mehr Einfühlungsvermögen als andere. 

Allerdings ist der zielgerichtete Einsatz eine Praxisübung, bei der Sie mit der Zeit immer besser werden. Allein aus dieser Fragestellung heraus ergibt sich bereits die enorme Bedeutung der Empathie für Menschen in Führungspositionen. Wir würden sogar so weit gehen und behaupten, dass Empathiefähigkeit zu den Schlüsselqualifikationen jeder Führungskraft gehört. 

Kann ich Empathie erlernen?

Empathie ist zum Glück kein angeborener Charakterzug, den man entweder hat oder eben nicht. Solange Sie nicht ein geborener Stromberg sind, dann können Sie Empathie problemlos erlenen. Dafür gibt es allerdings keine Lehrbücher, denn empathische Kommunikation ist ein dualer Prozess. Sie werden mit der Zeit automatisch besser darin, zwischen den Zeilen zu lesen, Mimik zu interpretieren, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, Verhalten vorherzusagen und darauf entsprechend zielgerichtet zu reagieren. Solange Sie regelmäßig üben, steigern Sie Ihre Empathie von ganz allein.

Erfolgreich Empathie erlernen –
die besten Übungen

Hinterfragen Sie sich regelmäßig selbst, wo Sie heute empathisch waren oder in welcher Situation Sie diesen Grundsatz verletzt haben. Diese Selbstreflexion ist eine wichtige Eigenschaft, um an der aktiven Bereitschaft zu mehr aktiver Empathie zu arbeiten. Finden Sie in jedem Ihrer Mitmenschen etwas Positives und schreiben Sie diese Attribute in Ihrem Notizbuch auf. Diese einfache Übung zeigt Ihnen, dass zwar jeder Mensch seine Macken hat, die positiven Eigenschaften aber dennoch überwiegen. Das erleichtert die unvoreingenommene Kommunikation enorm.

Versuchen Sie aktiv andere Ansichten nachzuvollziehen, anstatt auf Ihrer vorgefertigten Meinung zu verharren. Stützen Sie sich dabei auf überprüfbare Fakten. Stellen Sie gerne auch Fragen wie: „Wie genau kommen Sie zu diesem Gedankengang?“ Das erhöht einerseits das Gefühl der Wertschätzung und verbessert andererseits die Fähigkeit, sich in eine andere Person hineinzuversetzen.

Lächeln Sie Ihre Gegenüber einfach öfter einmal an. Ein Lächeln bei der Arbeit ist viel mehr wert als ein halbherziges Lob.

Stellen Sie Ihren Gegenüber in Gesprächen öfter Fragen, die sich nicht mit „Ja“ und „Nein“ beantworten lassen.

Betonen Sie bei der Kommunikation Gemeinsamkeiten und Schnittpunkte, anstatt sich nur auf Unterschiede zu fokussieren.

Sagen Sie öfter den Namen Ihres Gegenübers. Der eigene Name ist für jeden Menschen schließlich ein ganz besonderes Wort.

Spiegeln Sie die Mimik, Gestik und Haltung Ihrer Gegenüber in Vier-Augen-Gesprächen. Über den Einfluss der sogenannten Spiegelneuronen entsteht auf diese Weise eine größere zwischenmenschliche Sympathie.

Nehmen Sie sich Zeit, einen guten Roman zu lesen. 
Psychologische Studien belegen, dass Menschen, die häufig Romane lesen, überdurchschnittlich empathisch sind. Wenn das mal keine Win-win-Saituation ist …

Empathie als Schlüsselkompetenz erfolgreicher Führungskräfte

Wenn die zwischenmenschliche Kommunikation nicht stimmt, ist schnell Sand im Getriebe jeder fachlich noch so guten Unternehmung. Umso wichtiger ist es, dass Sie sich als Führungskraft mit der Empathie als Führungskompetenz beschäftigen.

Trainieren Sie Ihre Empathiefähigkeit und Ihre Emotionale Intelligenz regelmäßig und leben Sie dies bei jeder Gelegenheit vor. Leichter können Sie das Arbeitsklima, die Teamchemie und die Leistungsfähigkeit nicht verbessern – auch in Ihrem Privatleben kann eine gute Empathiefähigkeit von Vorteil sein.